Reporterin Riane Düssmann im Gespräch mit dem Musiker Tycho: Unmittelbar vor ihrer ersten TraumKlangReise möchte sie wissen, warum er Schlafkonzerte gibt und was sie in der Konzertnacht zu erwarten hat.

 

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

 

 


Riane Düssmann: Ich war noch nie auf einem Konzert, das mit einem gemeinsamen Abendessen beginnt ...

Tycho: An diesem Konzert ist so einiges ziemlich außergewöhnlich.

 

Dazu kommen wir noch. Fangen wir an mit »Tycho«: Was bedeutet dieser Künstlername?

Soviel wie »glückliche Fügung«. Ein bekannter dänischer Astronom hieß so – sein Weltbild nennt man das »tychonische«5_TychonianSystem-PD. Davon wiederum habe ich mich zum Namen fürs ganze Projekt inspirieren lassen: »Tychonian Soundworks«. Das ist auch mit einer Suchmaschine im Web zu finden.

 

… aber leider ausschließlich – abgesehen von den Infos über deine TraumKlangReisen – mit englischen Texten!

Das liegt daran, dass ich übers Internet mit anderen Musikern zusammenarbeite: Tychonian Soundworks ist eine Art virtuelles und vernetztes Teamwork. Da kommunizieren wir in Englisch. Außerdem hoffen wir, auf diese Weise international5_TSW-at-MySpace Menschen mit unserer Musik erreichen zu können.

 

Deine Schlafkonzerte gibst du aber allein ...

Die TraumKlangReisen überlässt Nían [die zweite Hälfte von Tychonian Soundworks, eine Gitarristin aus Island] ganz mir, weil sich eine Anreise für sie nicht rechnen würde. Sie ist aber auch ein wenig öffentlichkeitsscheu …

 

Und du schläfst nicht ein, wenn wir gleich alle in sanftem Schlummer liegen und du als einziger wachbleiben musst?

Es wird natürlich Phasen in der Nacht geben, in denen ich schläfrig werde. Aber ich habe eine Aufgabe und Verantwortung5_TychoAtWork für alles – das sollte mir die Kraft geben, bis morgen früh durchzuhalten.

 

 

Wie bist du auf die Idee gekommen, Schlafkonzerte zu geben?

Da ist vieles zusammengekommen. Als Komponist und Sounddesigner ist es mir seit Jahren ein besonderes Vergnügen, noch einmal zum Einschlafen zu hören, was ich am Tage zustandegebracht habe. So erlebe ich seit Jahren am eigenen Körper und im eigenen Geist das Zusammenspiel von Klang und Schlafbewusstsein. Mit Tychonian Soundworks produzieren wir Musik verschiedener Genres, aber in der Hauptsache Ambient-Musik. Oder wie man auch dazu sagen könnte: Soundscapes, Klanglandschaften. Die führen beim Einschlafen in entsprechende Welten, und ganz organisch hat sich dann ergeben, dass in diese Soundscapes unterschiedliche Einflüsse mit hineingekommen sind. Da waren wir dann schon mittendrin zu erforschen, wie sich das energetisch und im Bewusstsein 5_NuitEtoilee-PDauswirkt.

 

Acht Stunden Musik: Das wird eine lange Nacht für dich!

Stimmt. Nun spiele ich aber nicht dauernd live, sondern remixe das Material von Tychonian Soundworks zu einem neuen, homogenen Ganzen – mit eingestreuten Live-Passagen. Damit bin ich gut beschäftigt, und an Schlafen ist für mich nicht zu denken.

 

Die Geschichte, die du mit deiner TraumKlangReise erzählst, basiert auf der Sage vom Minotaurus. Was reizt dich daran?

Da gibt es viele Aspekte. Den Bewusstseinsforscher in mir interessieren unsere Wurzeln. Wo kommen wir her? Europas Wurzeln befinden sich auf Kreta [wo sich besagtes Knossos befindet], denn nicht nur hat Zeus die Tochter eines phönizischen Königs namens Europa5_ZeusEuropa-PD nach Kreta entführt, sondern es entwickelte sich dort mit dem minoischen Reich die erste Hochkultur Europas – das ja wiederum nach dieser Königstochter benannt ist.

 

Langsam verstehe ich, warum der amerikanische Elektronikmusiker Tanner Menard in seinem Blog über Tychonian Soundworks schreibt: »Den Titeln seiner Stücke nach zeigt das öffentlichkeitsscheue Duo eine Vorliebe für Mythologie und Altphilologie.«

Nun gut, wer CDs mit Titeln wie Nyx5_Cover-Nyx und Erebos veröffentlicht, ist da schon irgendwie verdächtig. Aber mich interessiert ja nicht nur das Antike an Knossos, sondern dass es sich auch heute noch als Sinnbild verstehen lässt. Wir alle haben einen Minotaurus in unseren Kellern versteckt.

 

Du wirst uns doch beim Konzert keine Angst machen?!

Im Gegenteil. Voraussichtlich spiele ich gegen Ende des Konzerts ein Stück mit dem Titel »Consoling the Minotaur«, Trost für den Minotaurus. Das begreife ich als Chance und Gelegenheit, mit dem eigenen Minotaurus Freundschaft zu schließen und ihm in der Persönlichkeitsstruktur einen sinnvollen Platz zuzuweisen.

 

Und der wäre?

(lacht) Das ist individuell sehr verschieden.

 

»Consoling the Minotaur5_Cover-Consoling« – ist das nicht ein Stück auf Nyx?

Das letzte, ja.

 

Was mich zu der Frage bringt: Warum veröffentlicht ihr eure Musik kostenlos im Internet?

Stimmt. Nyx und Erebos kann man kostenlos downloaden. Bei wem diese Soundscapes eine Saite zum Schwingen bringen und wer uns Künstler unterstützen möchte, kann für einen Download in besserer Qualität aber auch einen selbstgewählten Betrag zahlen.

 

Die Konzerte wiederum …

… sind mit Abendessen, der Einführung ins Traum­Klang­Reisen und einem Frühstück nach den acht Stunden traumbegleitender Musik natürlich nicht gratis. Die TraumKlangReise soll ein besonderes Event sein, dass man sich gönnt wie vielleicht einen Tag im Wellness­tempel.

 

Apropos Tempel: Früher wurden Schlafkonzerte an heiligen Orten gegeben.

Genau. Besondere Träume werden begünstigt, wenn du an einem besonderen Ort schläfst. Du legst dich heute Nacht ja nicht etwa im eigenen Schlafzimmer, sondern an einer für dich ungewohnten Location zwischen anderen Menschen zum Schlafen. Das bewirkt eine ganz besondere Aufmerksamkeit – und genau das nutzten offenbar schon die alten Ägypter und Griechen mit ihren Traum­schlaf­tempeln …

 

… wie Knossos.

Knossos5_Knossos-Plan-PD war vieles, aber kein Tempel. So hieß die Stadt, der Palast und das legendäre Labyrinth. Allerdings gab es auf Kreta auch ein Asklepieion.

 

Wie bitte?

Einen Tempel des Äskulap. Die ersten Krankenhäuser der Welt waren Tempel, in denen die Heilungs- und Ratsuchenden eine Nacht verbrachten und auf hilfreiche Träume hofften. Die Priester ließen da beispielsweise Schlangen über die Schlafenden kriechen …

 

Iiiih! Das machst du heute Nacht aber nicht!?!

(lacht) Ich könnte es ja mal mit Luftschlangen versuchen … Nein, im Ernst: Man muss gar nicht groß Psychologe sein, um zu kapieren, dass die Wirkung auf Trauminduktion beruht. Oder wie es auch heißt: Traum-Inkubation. Dabei geht es einfach nur um die innere Absicht und Ausrichtung5_Windrose. Auf das, was passieren soll: Heilung und Erkenntnis. Die Schlangen, keine Giftschlangen natürlich, galten als heilkräftig und hatten einen hohen mythischen Stellen­wert.

 

Aber könntest du nicht vielleicht auch Alpträume hervorrufen?

Ich würde das eher auf den momentanen Ausdruck deiner Psyche zurückführen als auf leise Musik, die läuft. Und vergiss nicht: Alpträume können, wenn sie angesehen, durchschaut und integriert werden, durchaus auch heilsam sein und sich als wertvolle Wegweiser entpuppen. Ich lasse jedenfalls beim Konzert auf Soundscapes, die stärkere Resonanzen hervorrufen können, immer sehr entspannende und ruhige Phasen folgen. Und wenn nicht z.B. »Harp-throb«5_Cover-HarpThrob alle Alpträume in Wohlgefallen auflöst, dann weiß ich auch nicht.

 

Davon ist ein Auszug auf der CD Erebos, und wenn mich nicht alles täuscht, ist da eine schnurrende Katze zu hören, oder?

Sie miaut auch ein, zwei Mal …

 

Ich hab auf Erebos5_Cover-Erebos auch noch ein Pferd, eine Menge Vögel und den Minotaurus gehört. Hab ich was verpasst? Oder ist es verboten, die CD so laut abspielen, dass ich solche Details bewusst wahrnehme?

Erebos sind eigentlich zwei CDs in einer. Leise und beim Einschlafen gespielt wirken die Soundscapes aufs Schlaf- und Traum­bewusst­sein. Bewusst und in normaler Lautstärke gehört, eventuell sogar mit guten Kopfhörern, ist es auf einmal vollblütige Ambient-Musik. Wer zusätzlich sein drittes Ohr einschaltet, wird merken, dass damit tiefere Schichten angesprochen werden.

 

Arbeitet ihr da mit bestimmten Frequenzen?

Auch, ja. In der Hauptsache geht es uns aber um die Klangfarben und das, was sie bewirken. Dazu lassen wir uns teilweise durch Träume und Tagträume inspirieren. Zur Umsetzung verwenden wir neben unterschiedlichsten, teilweise exotischen akustischen Instrumenten …

 

Die da wären?

Nun, die Klänge üblicher Orchesterinstrumente von Cello bis Glockenspiel5_Pythagoras_by_Gaffurio-PD oder die der herkömm­lichen Bandausstattung mit Gitarre, Orgel und E-Piano sind in deinen Augen sicher nicht exotisch. Aber doch vielleicht die Klänge von zum Beispiel Bawu-Klarinette, bhutanischen Glocken, Erhu und Shakuhachi.

 

Gesundheit!

Danke. Aber vielleicht weckt diese Aufzählung einen falschen Eindruck von unserer Musik. Wir nutzen am liebsten die Möglichkeiten elektronischer Tonerzeugung und basteln unsere Sounds und Klangflächen an Synthesizer und Computer. Bei den Tracks und dem Material, das wir über inzwischen mehrere Jahre hinweg produziert haben und aus dem ich heute Nacht Knossos modellieren werde, kamen jede Menge verschiedener Synths und elektronischer Klangerzeuger zum Einsatz. Dazu kommen Dutzende unterschiedlicher Effektgeräte.

 

 

Eure Maxime ist: »Follow the sound!«

Wir spielen die Musik, die uns berührt, inspiriert, überrascht und mit der Welt versöhnt. »Elektronisch« klingt vielleicht für manche nach kalter, klinischer, digital computerisierter Musik5_Frequenzregler. Aber das würde uns nicht interessieren. Unsere Musik muss lebendig sein und spielerisch und im Körper, im Herzen und im Geist etwas zum Schwingen bringen. Manchen Klängen darf man ihre Herkunft anhören, anderen nicht. Die Kontraste machen die interessanten Spannungsfelder auf.

 

Bei dem Vogelgezwitscher in »Once in a Blue Drone«5_Cover-BlueDrone wusste ich manchmal nicht: Sind die echt oder elektronisch?

Genau diese spannenden Berührungsflächen interessieren uns.

 

Sind sie nun echt oder elektronisch?

Nun, es sind verschiedene Vögel dabei, die ich an der Westküste Australiens aufgenommen habe. Und Elektronik ist auch dabei. Was davon was ist – das überlasse ich ganz dir.

 

Machst du auch ein Geheimnis aus dem, was du noch in Zukunft vorhast?

Ich möchte möglichst viele Schlafkonzerte geben. Und zu Nyx und Erebos gibt es vielleicht bald noch ein Tochteralbum: Hemera.

 

Ist das auch griechisch?

Nyx ist die Göttin der Nacht, Erebos der Gott der Dunkelheit, beide sind Kinder des Chaos, und ihre Tochter Hemera ist die Göttin des hellen Tags.

 

Bis ihr dann irgendwann den ganzen griechischen Olymp vertont habt …

Uns reizt an den alten Mythen, was auch heute noch mit uns in Resonanz geht. Und wie sie vielleicht zu neuen Mythen evolvieren.

 

So wie du die alten Techniken der Traum-Inkubation mit Erkenntnissen der modernen Psychologie verknüpfst.

Ja. Unsere Träume sind eine riesige, aber leider weit­gehend ungenutzte Ressource5_Fractal_2_PD. Vielleicht kann ich mit den Schlafkonzerten etwas daran ändern.

 

Okay. Dann geht es jetzt wohl los …

Noch schnell was zur Zukunft von Tychonian Soundworks. Wir arbeiten auch mit vollem Einsatz an der Rettung der Menschheit!

 

Du meinst: Wenn alle schlafen, können wir nichts mehr kaputtmachen?

(lacht) Nein, ich rede von der Evolution der Menschheit und des Bewusstseins. Nicht unsere Wirtschaft braucht unbegrenztes Wachstum, sondern der Mensch mit seinem geistigen und emotionalen Potenzial! Man könnte nämlich witzeln, dass wir »Musik zum Einschlafen« machen. Ich hoffe aber, es wird deutlich, dass wir eigentlich »Musik zum Aufwachen«5_TheDream_by_JaumePlensa-CC machen – in dem Sinne, dass wir uns immer noch mehr über uns selbst bewusst werden und auch als Erwachsene immer noch wachsen können. An Weisheit, Verantwortung und Herzensbildung. Im Schlaf. Wenn man denn erholt, gestärkt und inspiriert daraus erwacht.

 

Gut, dann … danke für dieses erhellende Interview.

Bitte, gern. Schöne Träume.


©10/09 by Riane Düssmann

 

 

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